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Gesellschaft

Keine Berührungsängste zwischen Jung und Alt

Pflegeheim und Kindergarten unter einem Dach

 

Das Balance-Training mit seinen kleinen Freunden lässt sich Alfred Gebhardt so gut wie nie entgehen: »Das macht mir Spaß. Ich komme jede Woche«, sagt der 73-Jährige. Er liebt die Bewegung. Und wenn im Altenpflegeheim Burghalde in Sindelfingen die wöchentliche Gruppengymnastik mit Kindergartenkindern angeboten wird, ist er immer dabei.

Die Kinder kennen Gebhardt gut. Sie treffen sich nicht nur zur gemeinsamen Turnstunde, sie laufen sich auch sonst über den Weg. Der Grund: Vor  rund zweieinhalb Jahren hat der erste evangelische Kindergarten in Sindelfingen unter dem Dach des diakonischen Altenpflegeheims aufgemacht. Die Idee ist bei Jung und Alt mittlerweile so gut angekommen, dass vor einigen Wochen die zweite Kindergartengruppe gegründet wurde.

Die Senioren genießen die Lebendigkeit

»Die Nachfrage bei den Eltern ist groß«, erzählt Kindergartenleiterin Silke Witzel. Zu den 22 »Waldmäusen« sind zwölf »Eichhörnchen« dazugekommen. Und auch die Heimbewohner mögen die Abwechslung. »Am Anfang hatten wir Angst, dass es für unsere Bewohner zu laut wird«, erinnert sich Sozialdienst-leiterin Ulrike Röhrle. »Als der Kindergarten dann da war, war es überhaupt kein Problem.« Ganz im Gegenteil: Die Bewohner genießen das Leben im Haus.

Auch Alfred Gebhardt gefällt es, zumal er nicht vergessen hat, dass er auch mal jung war. »Wir waren auch nicht anders, wir waren auch laut«, sagt er und hält gemeinsam mit einem Kindergartenkind einen großen roten Hula-Hoop-Reifen, durch den die anderen Kinder steigen müssen. Kaum durchgestiegen, rennen die Kinder wieder zurück und stellen sich für die nächste Runde an.
»Über den Reifen steigen und Seilspringen mache ich am liebsten«, sagt die sechsjährige Charlotte.

Bei Till ist die Liste noch länger: »Reifen, Purzelbaum und Wackelpudding mag ich besonders«, sagt er. Dabei verbirgt sich hinter dem Namen »Wackelpudding« ein Geschicklichkeits- und Gleichgewichtsparcours, wie Sporttherapeutin Mercedes Tayemans erklärt. Kinder und Senioren balancieren über wackelige Gummimatten, unter denen Gegenstände liegen, sowie über Stöcke und andere Hindernisse. Dabei helfen die Generationen einander. Mit Übungen wie dieser bietet die Sporttherapeutin den Älteren Sturzprophylaxe, während die Kinder ihr motorisches Geschick trainieren.

Das Modell macht Schule

Nicht nur über Bewegung finden die Generationen, die in unserer heutigen Gesellschaft ihre Tage allzu oft getrennt voneinander verbringen, wieder zusammen. Regelmäßig singen die Kinder zu den runden Geburtstagen ein Ständchen. Manche von ihnen treffen sich auch einmal die Woche zu einer Sing- und Spielgruppe mit Demenzkranken. »Denn an Lieder erinnern sich viele ältere Menschen noch sehr lange«, erzählt Ulrike Röhrle. Auch für Silke Witzel ist es immer wieder schön zu erleben, wie selbst die grimmigsten Bewohner im Spiel mit Kindern wieder auftauen.

Ulrike Röhrle sieht im Gespann von Jung und Alt große Vorteile: »Kleine Kinder gehen ganz unbefangen mit Alter, Demenz oder Behinderung um«, sagt sie. Die Kinder finden es schön, nicht nur in ihren Kindergartenräumen und im Garten zu spielen, sondern auch die Flure des Pflegeheims erkunden zu können. Denn dort kann man nicht nur prima Bobby Car fahren, sondern auch die Fische im großen Aquarium bestaunen oder eine Stippvisite bei der Voliere mit den schönen Vögeln machen.

Die Vorteile solcher generationsübergreifenden Projekte liegen auf der Hand: »Das ist eine klassische Win-Win-Situation«, sagt Imme Lanz, Geschäftsführerin vom Deutschen Verband für Altenarbeit und Pflege in Berlin. Bei immer mehr Neubauten würden jetzt Kindergärten oder Kindertagesstätten in Altenpflegeheime integriert. Auch in Sindelfingen soll es mit neuen Projekten weitergehen: »Wir wollen drei Zwergziegen anschaffen«, verrät Ulrike Röhrle. Diese sollen im Garten der Demenzgruppe leben und von Jung und Alt betreut werden.

Karin Birk


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