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Gesellschaft

Brigitte präsentiert: Schönheit plus Charakter

Auch Nicht-Models lassen manche vor Neid erblassen

 

Wow, was für eine Kampagne: Brigitte kündigt eine Revolution in der Modepräsentation an und alle drucken es ab. Nachdem die erste Aufregung sich gelegt hat und alle die Gelegenheit zum Blättern hatten, stellt unsere Autorin Gabriela Freitag-Ziegler die Frage: Hat die „neue“ Brigitte ohne Models wirklich ein anderes Gesicht oder war alles nur heiße Luft?

Prüfender Blick: Hat sich mit Verzicht auf Profi-Models denn so viel geändert? (www.fotolia.de)Als Deutschlands führendes Frauenmagazin im Oktober letzten Jahres verbreiten ließ, ab Januar komplett auf professionelle Models zu verzichten, war die Aufregung groß. Plötzlich stand die Brigitte im Mittelpunkt des Interesses all derjenigen, die sich für Mode und Frauen interessieren. Schließlich kündigten die Macher nicht nur eine Revolution, sondern gar ein neues Zeitalter an.

Entsprechend groß waren die Erwartungen an die erste Ausgabe. Und entsprechend groß war bei manchen Leserinnen und vielen Kritikern die Enttäuschung. Denn auf den ersten Blick sieht die „neue“ Brigitte nicht viel anders aus als die alte: Bildschöne Frauen mit einer Top-Figur in trendigen Outfits strahlen uns an und hinterlassen bei all denjenigen unter uns einen kleinen Stachel im Herzen, die auch gerne so schön wären. Doch zu allem Übel sehen diese Frauen nicht nur beneidenswert aus, sondern haben auch noch ordentliche oder sogar hoch interessante Berufe, wie Lehrerin, Restaurantbesitzerin oder Jazzsängerin.

Konnte frau sich bisher damit trösten, dass Models ja kein Standard sind, Schönheit ohnehin vergänglich ist und es sowieso viel mehr auf die inneren Werte ankommt, präsentiert die Brigitte nun Attraktivität und Charakter im Doppelpack. Folglich häuften sich neben einigem Lob auch viele enttäuschte oder gar wütende Leserreaktionen. Frauen, die sich selbst als Durchschnittsfrauen bezeichnen, fühlen sich durch die zauberhaften Nicht-Models noch mehr unter Druck gesetzt. Sie vermissen Frauen mit ein paar Pölsterchen hier und dort, die mehr als Kleidergröße 34 oder 36 ins Spiel bringen und auch ansonsten nicht ganz so makellos sind.

Falten und Pölsterchen sind rar

Aber halt! Auf Seite 44 der ersten neuen Ausgabe treffen wir auf Didda Jónsdóttir, 45 Jahre alt. Das ist wirklich mal eine, der man ihr Alter ansieht, die mit Falten nicht geizt. Und in den folgenden Ausgaben finden wir tatsächlich ein paar attraktive ältere Damen – die Kubanerinnen Amelia und Clarivel aus der Generation 60plus – sowie die erhofften üppigen Kurven in Gestalt der 31-jährigen Katharina Lazovic – leicht verpackt in reizvoller Spitzenunterwäsche. Bisher müssen diese Beispiele jedoch eher als Ausreißer gewertet werden. Die meisten Gesichter und Figuren sind doch reichlich perfekt, nur mit Beruf und Persönlichkeit eben.

Aber war denn wirklich etwas anderes zu erwarten? Schließlich haben wir es mit einer Frauen- und Modezeitschrift zu tun. Die will in erster Linie Auflage machen und Leserinnen binden. Dazu ist – fast – jedes Mittel und jede Kampagne recht. Die Idee, auf Profi-Models zu verzichten, war in dieser Hinsicht auf jeden Fall genial. Wer geglaubt hat, dass die Brigitte damit die Welt verbessern will, ist selber schuld.

Und mal ehrlich: Wenn wir 2,60 Euro für ein paar Seiten Hochglanz ausgeben, möchten wir nicht in den eigenen Spiegel schauen. Das wissen auch die Macher der Brigitte. Sie wollen Mode präsentieren und Illusionen erzeugen. Und natürlich brauchen sie dazu schöne Frauen, die mit allen Mitteln perfekt in Szene gesetzt werden. Ob man die wirklich buchstäblich auf der Straße oder im Supermarkt findet, sei dahin gestellt. Die Brigitte-Redaktion meint ja dazu auf ihrer Homepage: »Es gibt einfach tatsächlich so viele schöne Frauen auf der Welt. Wirklich!«

Die Revolution bleibt aus

Immerhin werden jetzt Frauen gezeigt, »die nicht den oft perversen Gesetzen des Modelgeschäfts unterworfen sind, sondern mitten im Leben stehen«, heißt es dort weiter. Diese Frauen sollen ein gutes Körpergefühl, Selbstbewusstsein und Lebensfreude zeigen, und zwar bis Größe 46. Freilich haben wir bisher keine Dame mit dieser stolzen Kleidergröße entdeckt, aber vielleicht kommt das ja noch.

Zumindest ist der Vorstoß der Brigitte, egal was wirklich dahinter steckt, ein weiterer Schritt weg von den Hungerhaken-Models, die uns die großen Designer auf ihren Modeschauen als Maßstab präsentieren wollen; angeblich, weil die Kleider an ihnen einfach besser aussehen, die Stoffe besser fließen. Im Vergleich zu diesen bedauernswerten Geschöpfen sind selbst die Brigitte-Nicht-Models, die die neuesten Bikinis präsentieren, bei all ihrer Schlankheit geradezu üppig. Also doch eine Revolution?

Wohl kaum. Zumal die durchschnittliche Brigitte-Leserin immerhin 46 Jahre alt ist und ohnehin über das Alter hinaus sein sollte, wo Äußerlichkeiten eine so große Rolle spielen. Vielleicht möchte sie mit der Brigitte-Diät in Form bleiben, sicherlich aber nicht mehr in Kleidergröße 32 hineinschrumpfen. Wünschenswert wäre jedoch, wenn ihre Tochter, die für solche gefährlichen Schönheitsideale viel empfänglicher ist, von immer mehr normalen Frauen in der Brigitte und anderswo profitiert. Und eine wirklich Revolution wäre es, wenn die internationale Modewelt sich endlich von falschen Idealen verabschiedet.


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